Die Geschichte des Musikvereins Weiskirchen gegr.1921 e.V.
Präambel:
Die Chronik des Vereins von 1921 bis 1981 wurde von unserem unvergessenen Albert Busch + verfasst. Albert Busch, Träger des Bundesverdienstkreuzes und Mann der Ersten Stunde, ist eine Niederschrift des Vereinslebenslaufes zu verdanken die Ihresgleichen sucht. Ein umfassendes Werk von 114 Schreibmaschinenseiten lässt dem Interessierten keine andere Wahl, als in einem Zuge die Geschichte zu lesen. Daten, Liebe zum Detail, Stil, Anekdoten lassen 60 Jahre MVW Revue passieren. Leider würde eine komplette Veröffentlichung den Rahmen unserer Homepage sprengen. Ich versuche mich daher in einer Zusammenfassung bis 1981 und darüber hinaus bis 2008.
Harald Bayer, Schriftführer.
Der Verein besteht seit 1921. Was aus dem Anfangsstadium zu berichten ist, konnte nur durch herumfragen bei älteren Kollegen durch Albert Busch ermittelt werden. Der Verein ist nicht gegründet worden, ER IST ENTSTANDEN.
Um 1920/21 amtierte in Weiskirchen (damals ca.1750 Einwohner) Herr Pfarrer Blumör als katholischer Geistlicher. Er regte einige junge Leute zum Erlernen von Blasinstrumenten an. Es ging ihm dabei nicht um die Gründung eines weltlichen Musikvereins, sondern darum, zur musikalischen Ausgestaltung kirchlicher Feiern wie z.B. Prozessionen, eine Gruppe von Bläsern zu bekommen. Wenn nun früher oder später die Meinung aufkam, es sei ein katholischer oder religiöser Verein, der von einem Pfarrer gegründet wurde, der da entstand, so ist das falsch. Jedoch ist die Anregung zum gemeinsamen Musizieren wohl diesem Pfarrer zu verdanken. Zunächst fand die Initiative des Pfarrers viel Interesse. Am Anfang musste es sogar eine stattliche Anzahl junger Burschen gewesen sein, die mitmachen wollte. Sehr schwer war die Anschaffung der ersten Instrumente. Durch Unterstützung aus der gesamten Gemeinde und wohl durch einen gewissen Druck durch die Geistlichkeit, konnte das Nötigste erworben werden. In Folge wurden die ersten Schwierigkeiten und Hindernisse bemerkbar. Manchem fehlte die Zeit zum Üben, anderen fehlte die Lust, weil das Instrument nicht von selbst spielte. So nahm die Zahl der Teilnehmer beträchtlich ab. Nur Wenige blieben der Sache zielbewusst treu. Sie hatten es nicht leicht, aber sie hielten durch.
Die ersten gemeinsamen Übungsstunden fanden privat statt. Man traf sich bei Michael J. Ricker, Ecke Bahnhofstr.- Hauptstr. Das Fachwerkhaus an dieser Stelle wurde mittlerweile leider abgerissen und durch eine Neubau ersetzt. Michael J. Ricker war der betagteste Anfangsmusiker, leitete den Verein bis 1926 und blies die Tuba im Volksmund „den Bass“. Es muss nicht verschwiegen werden, dass das, was da anfänglich aus den Instrumenten kam, eher laut denn schön war. Man erntete daher viel Hohn und Spott. Selbst durch Spott, Inflation und Arbeitslosigkeit ließ man sich nicht beirren. Jeder entbehrliche Pfennig wurde in dieser schweren Zeit für Noten- und Übungsmaterial beigesteuert. So konnte nach und nach mit Fortschritten aufgewartet werden. Man lernte neben den Kirchenliedern Märsche, Polkas, Walzer und auch leichte Konzertstücke. Kaum hatten die Weiskircher gemerkt, dass sich da was in Sachen Musik tut, sprachen sie vom Musikverein. Der Verein war entstanden.
Das Hauptziel war die volkstümliche Musik. Öffentlich wurde damit erstmals im Februar 1922 aufgewartet. Dazu gehörte zweifellos viel Mut, aber das Wagnis gelang. Die Kapelle wurde damals von Herrn Sahm aus Nieder Roden geführt, der auch bei der Beschaffung von Noten und Unterrichtsmaterial behilflich war.
1923/24 war man zu einem Vereinslokal gekommen. Es war die Gaststätte „ Zum Löwen“, die heute nicht mehr besteht. Sie lag gegenüber der Gaststätte „ Zum Bären“ auf der Hauptstr.. Dort fanden die Übungsstunden im 1. Stock statt, die Leitung lag nunmehr in den Händen von Phillip Thomas Ebert aus Dietzenbach.
Die Musiker kamen in den Jahren 1921 bis 1926 schon zu beachtlichen Erfolgen. Öffentliche Auftritte häuften sich und man erntete Anerkennung und Beifall. Die anfänglichen Spötteleien waren vergessen.
Die Mitgliederzahl lag 1927 bei 23. Zur Deckung der finanziellen Bedürfnisse reichten die Mitgliederbeiträge nicht aus. Es wurden Veranstaltungen abgehalten, die das nötige Geld einbrachten.
Der geschäftführende Vorstand 1927:
1. Vorsitzender Leonhard Massoth, 2. Vorsitzender Michael Bonifer,
Kassenwart Johann Sattler, Schriftführer Albert Busch.
Eine Abwechslung der besonderen Art war der erste Vereinsausflug am Pfingstmontag 1929. Geplant war, mit dem Zug ins Felsenmeer zu fahren. Leider verpasste die Gesellschaft den einzigen Vormittagszug in Weiskirchen. Kurzentschlossen liefen die Ausflügler nach Seligenstadt. Von dort aus erreichte man den Zug nach Erbach im Odenwald. Trotz des verpassten Zuges in Weiskirchen war der Ausflug bei bestem Wetter ein voller Erfolg, und die Ausflügler kehrten bester Laune zurück.
So nahmen dann die folgenden Jahre ihren Lauf und unterschieden sich nur unwesentlich von den Vorangegangenen. Bis 1933-, da wurde manches anders. Was unseren Musikverein betraf, sei dies mit einigen wenigen Sätzen geschildert.
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Die Vereine wurde gleichgeschaltet oder verboten. Die braunen Machthaber hätten die Musiker zu gerne in braune SA- Uniformen gesteckt und zu einer sogenannten Standartenkapelle gemacht. Dies ist aber nicht getan worden. Deshalb war man bei diesen Herrschaften (so Albert Busch) nicht besonders beliebt. Weil die Kapelle bei Kundgebungen der Partei etc. gebraucht wurde, ließ man die Musiker unbehelligt. Im September 1939 begann der zweite Weltkrieg und die meisten der Kapelle wurden eingezogen. Dies bedeutete für die Musik in Weiskirchen: Große Pause auf unbestimmte Zeit.
Sollte erwartet worden sein, dass nach dem Krieg 1945/46 weitergemacht werden kann wie zuvor, der lag absolut falsch. Viele alte Freunde, Bekannte, Brüder, Väter kehrten nicht mehr Heim, waren kriegsversehrt, oder noch in Gefangenschaft. Die Sorge um das täglich Brot stand im Vordergrund und es war noch nicht an Musik zu denken. Was vom Musikverein übrig war, fand sich dennoch zusammen. Vereinslokal wurde die Gaststätte „Zum Engel“, bei Michael Löw. Am 13.04.46 absolvierten 7 Mann eine Prozession zum großen Gebet.
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Zur Wiederaufnahme einer regulären Vereinstätigkeit benötigten die Musiker eine Genehmigung der Militärregierung. Diese war von der Erfüllung verschiedenster Bedingungen abhängig. Fragebögen mussten von jedem Einzelnen ausgefüllt werden, ob evtl. einer den Nazis angehört hatte. Pro Mann waren 10RM als Gebühr fällig, die jeder aus seiner eigenen Tasche zahlte. Alle bestanden die Prüfung und wurden zum Probe- Musizieren vor einer Kommission in Frankfurt am 30.5.47 zugelassen. Auch hier gab es keine Probleme, der Verein wurde wieder zugelassen und erhielt von der Militärregierung die Lizenznummer L.189. Die war fortan auf jedem Plakat und jeder Eintrittskarte abzudrucken. Einige Exemplare liegen im Archiv.
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Das war also geschafft. Leonhard Massoth übernahm wieder den Vorsitz und war zugleich auch Dirigent. Erfreulicherweise konnten Nachwuchskräfte gewonnen werden, aber nicht nur Bläser, auch für andere Instrumente, z.B. Geige, Akkordeon, Klavier usw. sowie einige passive Mitglieder. Bis Ende 1947 hatte der Verein 30 Mitglieder.
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Stichtag 20.6.48! Währungsreform. Für den Verein sah das praktisch so aus: im Mai 48 wurde Tanzmusik gemacht, die wirtschaftlich erfolgreich war. Am Stichtag konnte der Verein 1555 RM abliefern. Bekommen hat man dafür 101.08DM. Das war für diese Zeit eine gute Ausgangsbasis. Diese Zahlen, sowie die Einsatzbereitschaft der Musiker, mögen unsere heutigen Orchestermitglieder, besonders die Jüngeren, zum Nachdenken anregen. Was kann der Verein für mich tun? Zu dieser Zeit wohl eine grundlegend andere Denkweise. Es ging aufwärts. Man aß sich wieder satt, es konnten Kleidung und Schuhwerk angeschafft werden. Über mehrere Zugänge durfte der Vorstand sich freuen. Man verfügte über ein Blasorchester, eine Akkordeongruppe, eine Tanzkappelle und ein Streicherensemble. 1951 wurde das 30jährige Bestehen gefeiert. Nach dem plötzlichen Unfalltod von Leonhard Massoth leitete Johann Sattler die Kapelle und den Verein. Es kam zu beachtlichen Leistungssteigerungen.
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1954 wurde der Volksmusikverband Rhein-Main gegründet, aus dem der spätere Landesmusikverband Hessen hervorging. (Durch Fusionen heute Hessischer Musikverband) Die Weiskircher waren einer der aller ersten Mitgliedsvereine. Zwischendurch sei eine Mitgliederzahl genannt. Sie betrug am 31.12.55 142 Mitglieder.
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An Pfingsten 61 wurde das Fest zum 40. Jubiläum gefeiert. Verregnet, zumindest der Samstag. Die Waldfeste, Vereinsausflüge, Konzerte seien hier nur am Rande erwähnt. Theater- und Bunte Abende erfreuten sich großer Beliebtheit und trugen erheblich zu Sicherung der Finanzen bei. Im Herbst erfolgte ein Dirigentenwechsel. Johann Sattler trat zurück und wurde aufgrund seiner hervorragenden Leistungen zum Ehrendirigent ernannt. Im Herbst 61 übernahm Hans Trumm das Orchester. Die großen Jahre des Aufschwungs in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren sind geprägt durch Hans Trumm.
Ein großes Fest: Die „Goldene“ am 10.,11.,12 Juli 1971. Der gute Erfolg dieses Festes ermöglichte die Anschaffung weiterer Instrumente. Aber auch Sorgen gab es. Nachwuchs. Es stand ein Generationenwechsel vor der Tür. Viele ältere Musiker zogen sich in die Passivität zurück. Auch aus beruflichen Gründen mussten Verluste verkraftet werden. „Wir brauchen mehr Jugend“. Werbung in Presse, Mund zu Mund, bald konnte der Vorstand Neuzugänge vermelden, die in Instrumentenausbildung waren.
Es kam Jugend in den Verein. Im Laufe der Jahre konnte unter der Leitung von Reimund Massoth ein Jugendorchester gegründet werden. Das Jugendorchester konnte nach und nach vergrößert werden und beachtliche Leistungen erbringen. Dies wurde beim (verregneten) Jubiläumsfest zum 60. Bestehen 17.06- 21.06.81 sehr deutlich. Das Jugendorchester konnte bereits sein 10. Jubiläum feiern. Auch eine Anfängergruppe unter Leitung von Joachim Massoth konnte starten. Aus dem Tanzorchester, welches neben dem Blasorchester bestand, entwickelte sich die Rhein- Main- Big- Band, die weit über die Grenzen Weiskirchens bekannt und beliebt war. Besonders zu erwähnen sind hier Gerald Jakoby und Joachim Massoth als die „Macher“. Auch ein Frauenstammtisch ist 1978 gegründet worden und es besteht seit 1980 eine Blockflötengruppe. Nunmehr kann ich aus eigener Erfahrung berichten. Über alle erfolgreichen Konzerte, Veranstaltungen und glanzvollen Auftritte in dieser Zeit zu schreiben, würde den Rahmen dieser Chronik sprengen. Goldene Zeiten unter dem Vorsitz (1975- 1986) von Hans Busch und unter der musikalischen Leitung (1961-1988) von Hans Trumm, der im Festjahr 1981 sein 20. Dirigentenjubiläum in Weiskirchen feiert. Erwähnt seien die Rosenmontagsbälle, die einen Umzug vom Saal des „alten“ Darmstädter Hofs in den Bürgerhaus- Saal nötig machten und die dennoch jedes Jahr ausverkauft waren.
Besondere Erwähnung soll das Adventskonzert 1983 finden: Erstmals zeigten sich gleich drei Vereinsorchester auf der Bühne des Bürgerhauses. Das Jugendorchester, das Große Blasorchester und auch die Rhein- Main- Bigband.
Vorübergehend verlor der Verein sein Probelokal durch Abriss des Darmstädter Hofes, bis die Aktiven dann 1985 im Keller des Neubaus gute Probemöglichkeiten für alle Orchester beziehen konnten.
1985 feierte Hans Trumm sein silbernes Dirigentenjubiläum. 25 Jahre in Weiskirchen beim Musikverein. Im Alter von 80 Jahren nahm Albert Busch seinen Abschied von der Bühne und wirkte letztmalig beim Konzert mit.
1987 ragte als großes Ereignis die 700- Jahr Feier des Stadtteils Weiskirchen heraus. Mit der Harmonie Udenhout (Partnergemeinde) konnte ein Gemeinschaftskonzert organisiert werden. Reimund Massoth gab nach 15 außergewöhnlich erfolgreichen Jahren 1987 die Leitung des Jugendorchesters an Johannes Busch ab. 1988 übernahm Dietmar Schod die Dirigentschaft des Großen Orchesters von Hans Trumm. Der Urberacher Dietmar Schrod tritt mit dem Hauptziel an, aus dem Großen Blasorchester ein modernes konzertantes Orchester aufzubauen. Die Fortschritte sind schon nach kurzer Zeit in den Adventskonzerten sichtbar.
Nachwuchsgewinnung ist überlebenswichtig für den Bestand eines Vereines. Neue Zeiten generieren neue Methoden. Eine lückenlose Ausbildung sollte beim MVW möglich sein. Unter dem Vorsitzenden Reinhold Sattler wurde die Musik für Mäuse (Kinder von 1-3 Jahre), die musikalische Früherziehung (Kinder von 3-6 Jahre) und die musikalische Grundausbildung (Kinder von 6-8 Jahre) als Vorstufen zur Blasinstrumentenausbildung 1991 gegründet und erfolgreich 16 Jahre durchgeführt. 1995 übernahm Herbert Massoth das Amt des Vorsitzenden und konnte das erste Frühlingskonzert im Bürgerhaus präsentieren.
75 Jahre Blasmusik und Freundschaft war das Festmotto im Jubiläumsjahr 1996. Ein weiteres Geburtstagskind war ebenfalls zu feiern: Die Rhein- Main- Bigband feite ihr 20. Jubiläum. Ein besonderes Jahr für den MVW. Ausgelassen wurde am Jubiläumsmaskenball am Rosenmontag gefeiert. Ein Gedenkgottesdienst mit anschließender Friedhofsfeier durchgeführt. Viele schwärmten von einem Jahrhundertfest- auf jeden Fall wurde ein rauschendes Festwochenende zelebriert und ist in Erinnerung geblieben. Highlights waren die Hr3- Disco, eine internationale Künstlergala und die Gaudi der Vereinsolympiade. 2000 wurde der traditionelle Maskenball nach einer 4- jährigen Verschnaufpause wieder belebt. Bis heute findet durchgängig der Maskenball eine Woche vor Fastnacht im Bürgerhaus statt.
Auch 2001 zum 80. Bestehen ist das Jubiläumsfest mit großem Erfolg gefeiert worden und konnte an das 75er Fest anknüpfen. Auch bei diesem Fest wurden wegweisende Ideen in die Tat umgesetzt. Ein Kindermusical, „das kleine Gespenst“ wurde aufgeführt, eine Disco mit Hot Stuff, und das Bezirksmusikfest des Verbandes fanden großen Anklang. Im weiteren Jahresverlauf übernahm Anja Schrod das Jugendorchester sowie die Bläser- Neulinge im Juniororchester.
Auch im 85. Jahr (2006) veranstaltete der Verein ein kleines aber feines Zeltfest am Bürgerhaus. Zwei Tage Blasmusik im gemütlichen Rahmen fanden großen Anklang und viele Besucher. Fast getraue ich es nicht zu schreiben: Das Wetter war ... so la la.
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Sie erinnern sich an den beschriebenen ersten Ausflug des Vereins 1929 ans Felsenmeer? 2006 reiste das Orchester zur Steubenparade und mehreren weiteren Auftritten nach New York, USA. So ändern sich die Ansprüche. 76 Teilnehmer eroberten den „Big Apple“ und marschierten auf der 5th Avenue. Dieses Ereignis wird den Teilnehmern unvergesslich bleiben und stellt einen Höhepunkt in der Vereinsgeschichte dar.
Markante Umstrukturierungen in der Jugendausbildung und der Nachwuchsgewinnung wurden 2007 in die Wege geleitet. In den Vordergrund rücken neben der Qualitativ sehr hochwertigen Blasinstrumentenausbildung vor allem die Förderung der Motivation und der sozialen Komponente durch frühes Zusammenspiel in der Gruppe.
Ein neues Projekt, das jüngste Blasorchester des MVW seit September 2007, ist die Ausbildung Erwachsener am Blasinstrument. Zwar war es immer möglich, beim MVW, auch als Erwachsener ein Instrument zu lernen. Aber von Anfang, neben Einzelunterricht, in der Gruppe mit Gleichgesinnten zu spielen, macht mehr Spaß.
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Ende 2007 hatte der Verein mit 374 Mitgliedern einen Höchststand erreicht und ist einer der mitgliederstärksten Musikvereine in Hessen. Angebote und Aktivitäten können unter der Rubrik „Der Verein stellt sich vor“ oder „die Orchester stellen sich vor“ nachgelesen werden.
Rodgau im Mai 2008
Harald Bayer, Schriftführer